Was geschieht mit einem Menschen, wenn er von der Welt abgeschnitten ist – und was bedeutet Einsamkeit in einer Zeit, in der wir scheinbar permanent miteinander verbunden sind?
Mit „Die Wand 2.0“ überträgt Theater Pro Marlen Haushofers berühmten Roman in die digitale Gegenwart. Im Mittelpunkt steht eine Frau, die seit Jahren isoliert lebt. Doch anders als bei Haushofer schreibt sie keinen Bericht über ihr Leben hinter der unsichtbaren Wand. Sie richtet die Kamera ihres Smartphones auf sich selbst.
Sie spricht. Sie filmt. Sie erinnert sich. Sie sendet.
Die Protagonistin wird zur Influencerin ihrer eigenen Einsamkeit. Ihre Gedanken, Ängste und Erinnerungen verwandeln sich in ein öffentliches Videotagebuch für eine imaginäre Followerschaft. Sie ist permanent sichtbar – und bleibt dennoch allein.
So erhält Haushofers „Wand“ eine neue Bedeutung: Sie wird zur Metapher einer digitalen Welt, in der Millionen Menschen miteinander kommunizieren können und wirkliche Nähe dennoch ausbleiben kann.
Auf der Bühne trifft diese digitale Welt auf eine sehr körperliche Realität. Die Protagonistin lebt inmitten eines riesigen Berges aus getragenen, abgelegten Kleidern – Überreste früherer Leben und Identitäten. Sie sucht darin, zieht sich um, erfindet sich neu und versucht, Ordnung in eine Welt zu bringen, deren Wirklichkeit zunehmend unsicher erscheint.
Denn eine Frage bleibt bis zuletzt offen:
Existiert die Wand tatsächlich – oder existiert sie nur in ihrem Kopf?
Video, Projektionen und Künstliche Intelligenz werden dabei zu eigenständigen Partnern des Bühnengeschehens. Die KI erzeugt und verändert Bildwelten aus Sprache, Bewegung, Klang und Erinnerungsfragmenten. Realität, Erinnerung und Fantasie beginnen ineinanderzufließen.
Gleichzeitig entsteht eine paradoxe Beziehung: Während der Kontakt zu anderen Menschen verloren geht, antwortet die künstliche Intelligenz. Sie hört zu, reagiert und simuliert ein Gegenüber – ohne selbst zu leben, verletzlich zu sein oder Nähe zu benötigen.
Damit stellt „Die Wand 2.0“ eine hochaktuelle Frage: Was geschieht mit menschlicher Beziehung, wenn digitale Systeme immer perfekter darin werden, ein Gegenüber zu simulieren?
Trotz aller digitalen Mittel bleibt Marlen Haushofers existenzielle Frage das Fundament der Inszenierung:
Was bleibt vom Menschen, wenn er radikal auf sich selbst zurückgeworfen ist?
„Die Wand 2.0“ verbindet Schauspiel, Live-Video, Projektion und KI zu einer hybriden Theaterform über Einsamkeit, Selbstinszenierung und die Sehnsucht nach wirklicher Nähe in einer hypervernetzten Welt.
Eine Produktion von Pro Kultur e.V.
Darstellerin: Camilla Kallfaß
Regie: Ralf Buron
in weiteren Rollen: Myriam Tancredi, Peter Haug Lamersdorf
Stück-Dauer: 60 Min.
Gefördert vom Landesverband Freie Theater Baden-Württemberg e.V. und der Stiftung der Landesbank Baden-Württemberg.